Für Profis und Semiprofis ist Edith Distelzweys Künstlerbedarfsgeschäft seit über 39 Jahren beliebte Anlaufstelle. Denn hier findet sich große Auswahl auf kleiner Fläche – und immer ein offenes Ohr für den Kunden.
Mit den Jahren haben sich die Seiten gut gefüllt. Es finden sich Widmungen und Zeichnungen namhafter, nicht nur Karlsruher Künstler in Edith Distelzweys Gästebuch, Gratulationen und Fotos von Stammkunden und Lieferanten zu Neueröffnungen und Jubiläen; sogar eine Postkarte aus Südafrika ist dabei. Kein Zweifel, der knapp 75 qm große (und früher noch kleinere) Laden in der Karlsruher Goethestraße ist längst eine Institution bei Künstlern, Studenten der Akademie, bei Semiprofis.
"Hobbykünstler haben lange gedacht, ich führe ein Geschäft nur für Profis", schmunzelt die Ladeninhaberin. "Aber die haben inzwischen gemerkt, dass ich genauso für sie da bin." Die Ecke an der Ecke
Leicht hat es Edith Distelzwey sicher in all den Jahren in der klassischen Wohnstraße nicht gehabt, aber die 35 Jahre Geschäftsleben auf dem Künstlerbedarfs-Sektor waren auch voll ungewöhnlicher Erlebnisse. Die Badenerin eröffnete 1971 die "Maler-Ecke" zunächst nur, weil sie aus ihrer Familie und Verwandtschaft wusste, dass an manche Materialien nicht einfach heranzukommen war. "Mit ein paar Tuben und Pinseln und 40 qm Ladenfläche fing ich an der Ecke Mondstraße an", erinnert sich Edith Distelzwey. Größtes Problem sei gewesen, überhaupt beliefert zu werden. Durch die harten ersten Jahre habe ihr besonders die Firma Lukas den Rücken gestärkt.
Zwei Jahre lang, 1974 und 1975 tummelte sich dann die Karlsruher Künstlerszene mit Vernissagen in ihrem Geschäft. Das sprach sich herum und sorgte für noch mehr Kunden. Das und ein Eintrag in den Gelben Seiten, denn "Anzeigenschaltungen habe ich versucht, aber die haben meine Kunden nicht erreicht".
Mit der wachsenden Kundenzahl wuchs die Nachfrage und wuchs das Sortiment. An Vernissagen war bald nicht mehr zu denken. Auch nicht in den größeren Geschäftsräumen ein paar Hausnummern weiter, die sie 1991 bezog. "Ein bisschen vermisse ich das schon." Geduld gehört dazu.
Mit dem anfänglich misstrauischen Wettbewerb in der Einkaufsstadt Karlsruhe stand Edith Distelzwey rasch auf gutem Fuß. "Man muss eben mit den Menschen reden", sagt sie. Heute hilft man sich gegenseitig mit Materialien aus oder schickt sich auch schon einmal die Kunden gegenseitig ins Haus.
Woher Edith Distelzwey das Wissen um ihr ungemein breites und tiefes Sortiment nimmt? "Selbst gemalt habe ich nie", berichtet sie. "Ich bin Stück für Stück, Artikel für Artikel in das Geschäft hineingewachsen." Natürlich hat sie dazu manches ausprobiert. Aber sie warnt davor, eigene Malerfahrungen als allgemeingültig weiterzugeben.
"Experimentieren muss schon jeder selbst. Was dem einen liegt, liegt nicht auch dem anderen. Und jeder wendet die Materialien auch wieder etwas anders an." An geduldiger Beratung lässt es die Fachhändlerin dennoch nicht fehlen. Das fängt an beim doppelseitigen Klebeband, für das die Kundin den genauen Zweck nennen muss, bis hin zur Auswahl von einem Dutzend Keilrahmen, die der Herr, der Profikünstler zu sein scheint, selbst bespannt.
Wer in die engen Ladenräume der Maler-Ecke eintritt, wird mit einem Schild darum gebeten, etwas Geduld zu haben; man erhalte garantiert genau die gleiche aufmerksame Zuwendung wie der Kunde vor dem soeben eingetretenen. Um sich die Zeit zu vertreiben, kann sich der Kunde mit Spitzen, Bon Mots und Anekdötchen unterhalten, die die Ladeninhaberin gesammelt und an den verschiedenen Warenträgern befestigt hat. Und dann darf man seine Wünsche äußern.
Soll's ein ungewöhnliches Keilrahmenformat sein, das Edith Distelzwey selbst bespannt (getackert wird nur auf der Rückseite)? Oder soll aus dem Sortiment von rund 1000 Bilderrahmenleisten ein Atelierrahmen gewählt werden? Kein Problem, es fehlt nicht einmal an einem Weißgoldrahmen mit Gravur, das derzeit teuerste Stück am Lager. Für eine Kundin hat Edith Distelzwey sogar selbst zu Pinsel, Farbe und Schmirgelpapier gegriffen und einen Rahmen komplett auf das zu rahmende Bild abgestimmt. Denn auch das Rahmen ist eine ihrer Spezialitäten.
Hat sich der Kunde dann entschieden, kann er sich für eine Kundenkarte in der Kundendatei registrieren lassen. Er darf auch gern mit EC-Karte bezahlen. Mit der Scannerkasse ist der von ihm gekaufte Artikel ruckzuck erfasst und wird im Cash-Warenwirtschaftssystem genauso schnell als Warenausgang verbucht. Das sorgt für eine gepflegte Lagerhaltung. Wer sich jetzt noch für Kurse und dergleichen interessiert, kann sich mit Angeboten aus dem gesamten Karlsruher Raum per Handzetteln eindecken.
Es ist Mittwochnachmittag, 13 Uhr. Die Ladenglocke schellt, es kommt noch jemand herein. Eigentlich wäre der Laden schon geschlossen. Aber Edith Distelzwey drückt ein Auge zu, drängt den Kunden auch nicht zur Entscheidung. Als er fort ist und die Tür abgeschlossen, klingelt das Telefon. Eigentlich wäre sie schon auf dem Weg nach Hause. Aber auch da bietet Edith Distelzwey ihren Kunden ihr ganz besonderes Extra: zwei immer offene Ohren und ein Herz für Künstlersorgen.
© Maler-Ecke Distelzwey. Version: 22. September 2011 -> Vorversion